Lebensfreuden

Der Weißt du noch Tag, als wir...!

Donnerstag 15 September 2022 - 08:26:27
sonnenblumen.jpg Es ist Samstagmorgen. Mein geliebter Hausbär und ich sitzen gerade an unserem schön gedeckten Frühstückstisch.
Ich starre gedankenverloren auf den schwarzen Kaffee und das Erdbeerbrötchen.

„Geht es dir auch so, mein Lieber“, sage ich irgendwann zu meinem Bären, „dass
Farben und Gerüche manchmal alte Erinnerungen wachrufen?“ „Ja, das passiert
gar nicht so selten“, stimmt er zu. „Aber meist ganz unerwartet und
überraschend.“ „Ja, und anscheinend zusammenhangslos. Weißt du, woran ich
soeben denken musste, als mein Blick auf die rote Erdbeermarmelade fiel?“ „Nein,
natürlich nicht.“ „An die Hagebuttenmarmelade, die wir selber gemacht haben!“
„Ich hätte wahrscheinlich an was ganz anderes gedacht“, sinniert mein Bärchen.
„So, an was denn?“ „Na ja, da fällt mir ein bestimmtes Kleidungsstück in deiner
Garderobe ein. Schon seltsam, wie unser Gehirn arbeitet!“ „Jeder hat halt seinen
eigenen Vorrat an Bildern im Kopf.“ „Aber wie ist es denn, wenn zwei, also zum
Beispiel wir beide, versuchen, eine gemeinsame Erinnerung wieder herzustellen. Es
wäre doch spannend zu sehen, wem was einfällt, wer welchen Teil beisteuert“,
schlägt mein Bärchen vor. „Ja, machen wir doch ein Spiel draus. Wer einen
Aufhänger gefunden hat, beginnt mit: ‚Weißt du noch, als...?‘ " "Na schön," meint
mein Bär, „lass uns das mal versuchen. Ich bin nämlich wirklich gespannt darauf zu
erfahren, was für unterschiedliche Bruchstücke wir jeweils hervorkramen und wo
uns unser ‘Weißt-du-noch...‘ überall hinführen wird. Du, mein lieber Spatz, darfst,
falls du eine Idee hast, anfangen mit unserem ersten kleinen, gemeinsamen
Erinnerungsausflug!"
„Ok. Weißt du noch“, beginne ich, „als du einmal im Sommer den Einfall hattest,
mal eine Nacht auf der Terrasse zu verbringen. Und wie wir dann am Abend die
große schwere Matratze aus dem Schlafzimmer samt Bettzeug nach unten auf die
leergeräumte Terrasse getragen haben? Schön gemütlich hatten wir es uns
gemacht, und es war seltsam schön in die Sterne zu blicken!“
„Da fällt mir der Ausdruck von Albert Camus ein: ‚die zärtliche Gleichgültigkeit der
Sterne‘. Ich fand das immer ein besonders schönes Bild für die Weite des Alls und
unsere Verlorenheit darin.“
„Und ich fand es so toll, gewissermaßen in der lauen Luft zu baden, den Geruch des
Grüns und der Bäume einzuatmen. Nur das Krabbelzeug war nicht so schön, und
schon gar nicht die Stechmücken. Mich hat es sehr gewundert: dir schienen die
kleinen Plagegeister nichts auszumachen. Ich musste mich ziemlich schnell in mein
schützendes Nachthemd einwickeln, während du im Naturkostüm geblieben bist.“
„Na ja, wenn ich schon in der Natur übernachten will, dann so dicht wie möglich.
Hatten wir eigentlich ein Picknick dabei? Passen würde es zu uns.“
„An ein Picknick kann ich mich jetzt nicht wirklich erinnern, aber an eine Flasche
Rotwein, die uns durch den Abend begleitet hat!“
„Vielleicht liegt es an dieser Flasche Rotwein, dass mir von jener Nacht nicht mehr
alles in Erinnerung ist. Andererseits: So ein Flascherl Rotwein beflügelt ja nicht nur
die Phantasie...“
„Und weißt du noch, als wir in Berlin waren und du mich mit einer Nacht im
Schokoladenhotel Sarotti überrascht hast, weil es einmal mein Wunsch war,
gemeinsam in einer freistehenden Badewanne zu baden? Mit viel Schaum, einem
guten Gläschen Wein bei Kerzenschein!", beginne ich erneut.
„Wie könnte ich jene Nacht vergessen mit ihrem Hauch von Luxus, von Üppigkeit
und voller lustvollem Plantschen! Eine Nacht, die nicht enden wollte. Und nebenher
lief der Fernseher. Und erinnerst du dich noch, welches Programm da lief?“
„Nein, aber ich glaube, es war etwas mit Musik.“ „Ja, es war eine Doku über Udo
Jürgens, sein Leben, seine Lieder.“
„Stimmt. Aber wir waren ja viel zu sehr damit beschäftigt, im Bett den hierher
geretteten Wein (schon wieder mal!) nicht zu verschütten...“
„Erinnerst du dich eigentlich noch, wie oft ich dich in der gemeinsam durchlebten
Zeit schon gefragt habe: ‚Was hältst du von einer frischen Tasse Kaffee?‘, fragt
mich mein Bär und grinst. Und dabei bemerke ich wieder einmal, dass unser
Frühstück schon langsam in den Mittag vorrückt. Mögen sie hochleben, diese
ausgedehnten Frühstückszeremonien!
„Gerne!“, antworte ich und einige Minuten später halte ich eine Tasse heißen,
duftenden Kaffees in den Händen.
„Ich habe noch ein Weißt-du-noch, als wir mitten in der Nacht aufgestanden sind,
weil wir beide - aus welchem Grund auch immer - nicht mehr schlafen konnten? Wir
sind in die Küche gegangen und haben zusammen einen Vanillepudding gekocht,
ihn mit Früchten und Schokoladenstreuseln verziert, um ihn anschließend auf dem
Sofa gemeinsam ganz gemütlich zu verspeisen - jeder den seinen natürlich...
Nachdem alles ausgelöffelt war, sind wir zurück ins Bett und im Handumdrehen
wieder eingeschlafen!"
„Ganz vage, mein Spatz.“
„Weißt du noch, als wir unseren Paris-Aufenthalt mit einem wunderbaren
Abendessen ausklingen ließen? Den Tipp für dieses tolle Restaurant hatten wir vom
Kellner aus dem Café Flore bekommen, wo wir am Mittag eine typische
französische Zwiebelsuppe gegessen hatten!" Meine Gedanken nehmen weiter
Form an: "Mir hat das La Closerie des Lilas richtig gut gefallen, die Atmosphäre, die
Klaviermusik und natürlich das köstliche Drei-Gänge-Menü, auch wenn sich nicht
wirklich viel auf unseren Tellern befunden hat! Erinnerst du dich, mein Lieber?"
„Oh, dazu fällt mir noch was Peinliches ein. Als ich mal zu Messieurs gehen musste,
war ich ohne Jacke unterwegs, in der sich mein Geldbeutel befand. Die hing noch
über der Stuhllehne. Womit ich nicht gerechnet hatte: Im Untergeschoss saß eine
sehr freundliche Dame, die offensichtlich zuständig für diesen Ort war. Als ich auf
dem Rückweg wieder bei ihr vorbei kam, bat ich sie geknickt um Entschuldigung,
mein Portemonnaie befinde sich leider oben in meiner Jackentasche. Ihr
nachsichtiges Lächeln war überaus souverän!“
„Weißt du noch, als in jenem schneereichen Winter uns der Weg zur Garage mit
meterhohem Schnee versperrt war. Eigentlich solltest du mich doch zum Zug
bringen, damit ich zur Arbeit fahren könnte? Wir haben uns verbissen den Weg frei
geschaufelt, doch als wir endlich bis zum Garagentor kamen, mussten wir
feststellen: Es ließ sich in keiner Weise mehr öffnen, da es an den Seiten und am
Boden festgefroren war. Selbst mit heißem Wasser ließ sich das Eis nicht
vollständig zum Tauen bringen, unsere Bemühungen blieben alle ohne
durchschlagenden Erfolg. Nun ja, niemand soll uns mangelnde Flexibilität
vorwerfen: Wir machten es uns – nach einem kurzen Telefonat mit dem Arbeitgeber
- drinnen gemütlich mit einem Kakao, Fernsehen und einem wieder aufwärmendem
Aneinanderkuscheln!"
„Aber natürlich erinnere ich mich daran, meine Liebe!"
„Als wir einmal spontan beschlossen, nach Frankreich zu fahren, um Walnüsse zu
kaufen, weißt du noch? Weil es dort für dich die besten Nüsse gibt, die Nüsse aus
der Gegend von Grenoble? Und wir dabei in unserem Lieblingssupermarkt SuperU
auch noch unser leckeres Canadian-Bier gefunden haben, das uns an unsere
Kanada-Reise erinnert hat. Klar, dass wir das natürlich nicht dort lassen konnten.
Wir haben dann zu Hause versucht, irgendwie einen Kanada-Abend zu zaubern, mit
diversen deftigen Happen und dem Bier!“
„Ja, ein wunderbarer Ausflug mit einem noch wunderbarerem Abend, mein Herz!"
„Noch eine Erinnerung hab ich, mein Bärchen; weißt du noch, als wir auf dem
Rückflug von Vancouver viel zu früh am Flughafen waren, da du dich mit der
Uhrzeit vertan hattest und wir jetzt fünf Stunden bis zum Abflug rumbekommen
mussten? Du hast dir solche Vorwürfe gemacht und ich fand es gar nicht so
schlimm, im Gegenteil, ich fand es so herrlich, in den Geschäften zu bummeln und
dabei noch einige schöne Dinge zu finden, die ich mit nach Hause nehmen konnte!
Und die verschiedenen leckeren Nusspäckchen, die wir beide dann zusammen im
Flugzeug geteilt haben und die wir uns niemals in Deutschland gekauft hätten, da
sie viel zu teuer waren!“
„Ja, ein weiterer peinlicher Moment in meinem Leben! Und was war ich so müde!
Alle waren wir müde, auch unsere zwei jugendlichen Begleiter. Aber irgendwie ging
es dann doch rum. Aber es gibt auch andere, viel positivere Erinnerungen an
Vancouver. Weißt du noch, wie wir in der kleinen Bierkneipe, nicht weit von der
Pacific Central Station (Hauptbahnhof) entfernt, ein Kölsch getrunken haben und
du unbedingt als Souvenir ein Glas mitnehmen wolltest, was die sehr freundliche
Bedienung dann auch für uns (gegen ein angemessenes Trinkgeld) arrangiert hat?"
„Wie könnte ich das vergessen, mein Bärchen! Es war so ein schöner Abend zu
zweit."
„Oder als wir uns die knapp 9 Kilometer Uferweg des Stanley-Parks vorgenommen
hatten. Und ich dann eine Aufnahme von dir vor dem Siwash Rock, jenem 18 m
hohen natürlichen Wahrzeichen Vancouvers, auf dessen Spitze ein Baum wächst,
machen wollte. Ich hab dich so lange vor dem Motiv hin und her dirigiert, bis du
und dein Kopf den Felsen völlig verdeckt haben und nur der Baum dich überragte.
Genau in dem Moment habe ich den Auslöser gedrückt und konnte dir so deine
neue Pinsel-Frisur präsentieren. Übrigens haben wir den Weg entlang der
Uferpromenade bis zum Ende tapfer durchgehalten, wenn auch die Füße am Ende
ganz schön schwer waren."
„Oh ja, Vancouver! Ich bekomme richtig Fernweh, wenn ich daran denke."
„Sehr eindrücklich war auch das nächtliche Feuerwerk, das wir am Canada Day,
dem 1. Juli, von der Dachterrasse des Woodward’s Building miterleben konnten. Es
war eine tolle Stimmung auf der Dachterrasse, die Leute drängten sich an das
Geländer. Typisch Vancouver: das Stimmengewirr der vielen Sprachen."
Mittlerweile fängt mein Magen an zu knurren und als ich auf die Uhr schaue, zeigt
diese mir an, dass es jetzt an der Zeit ist, ein Mittagessen zu kochen! Also begeben
wir uns, also ich mich mit meinem Bären, in die Küche und dort geht es dann
während des Kochens weiter mit den Erinnerungen!
„Weißt du noch, als wir damit angefangen haben, lauter leckere Sachen zu kochen?
Zusammengesucht aus vielen verschiedenen Kochbüchern; aber auch eigene
Kreationen kamen zum Zuge?“
„Was mir dazu gerade einfällt, ist das Huhn, das wir nachgekocht haben, weil es
uns in Paris so gut geschmeckt hatte (la Poule au Pot)! Oder der Pflaumenkuchen
mit den - erlaubter Weise - selbst gepflückten Pflaumen aus Nachbars Garten! Oder
mein erster Parasolpilz aus den umliegenden Wiesen! Nicht zu vergessen: unsere
gesunden vegetarischen und basischen Speisen!“
Inzwischen steht nun unser Essen dampfend draußen auf dem Terrassentisch. Es
ist mittlerweile 18 Uhr und wir setzen uns in die abendliche Sonne, um die
Stimmung bei einem Gläschen alkoholfreiem Bier zu genießen! Und genießen
zugleich auch diese schöne Kette von Erinnerungen! Doch dann, ganz plötzlich,
geht es in mir weiter, als wäre ein kleiner „Dammbruch“ in Gang gesetzt worden:
„Kannst du dich noch daran erinnern, als wir beschlossen hatten den Wintergarten
zu entrümpeln? Und wir daraus eine gemütliche Wohlfühl-und-Kakaotrunk-Oase
gemacht haben? Was haben wir alles geräumt und in die Garage getragen, geputzt
und umgestellt! Zum Schluss konnte sich das Ergebnis sehen lassen, weißt du
noch?“
„Oh ja“, pflichtet mein Bärchen bei, „das war ein recht aufwendiger Einsatz, der
auch der Garage zugute kam, gab es da doch plötzlich einen Tisch, auf dem und
unter dem ich einiges abstellen konnte – ein echter Platzgewinn!“
„Was hältst du davon, wenn wir in unsere Kakao-Oase umziehen, es ist doch auf
einmal recht kühl hier draußen geworden. Lassen wir doch unseren Erinnerungstag
drinnen mit einer leckeren heißen Schokolade ausklingen?"
„Eine gute Idee, mein Spätzchen!"


Schlussbemerkung
Dass sich der Kreislauf so gefügt haben soll und wir am Ende des Tages mit
unseren Gedanken in die häusliche Ordnung der Wintergarten-Oase, wohin uns
denn die Erinnerungen schlussendlich geführt hätten, eingetreten sein sollen, um
schon wieder mal Schoki zu trinken – also ehrlich, das verdient schon das erste
Augenzwinkern.
Ein zweites Augenzwinkern könnte damit verbunden sein, dass wir allen Ernstes
behaupten, einen ganzen Tag lang eine Erinnerung mit der nächsten verknüpft zu
haben!
Aber dass Geschichten, deren Verlauf nicht ganz und gar wahr ist, trotzdem eine
„innere Wahrheit“ haben, in der viel von denen zutage tritt, die sie erzählen - dies
ist der Moment festzustellen, dass auch kleine erzählerische Kunstgriffe ihre
Berechtigung haben.


Hilda und das Bärchen



0 Kommentare